Eine Römische Siedlung

 

Die Hesselburg

ein Stückchen Erde, das Geschichte(n) erzählt

 

Dort, wo die Ausläufer des Odenwalds und des Spessarts aufeinander treffen und fruchtbare Äcker eine Mulde bilden, liegt der Bachgau. Seit frühester Zeit ein für die Landwirtschaft ertragreiches, besiedeltes, unwettergeschütztes Gebiet, welches die verschiedensten Funde aus vergangenen Tagen belegen. In den 70er Jahren fand sich in diesem Boden ein Gräberfeld aus der Merowingerzeit, jüngste Ausgrabungen beweisen, dass die kleinste Gemeinde des bayerischen Bachgaus schon 5000 v. Chr. bewohnt war.

Dass auf solch geschichtsträchtigem Boden Sagen und Erzählungen ranken, bleibt unvermeidbar. So existiert die Sage vom geizigen Grafen Berbach, der einst – so glaubte man – die Hesselburg, auch „Haselburg“ genannt, bewohnte, und den armen Bewohnern der umliegenden Dörfer nichts von seinem Reichtum abgeben wollte (Pfeifer, Spessart Sagen, Aschaffenburg o.J.).Eine andere Sage spricht von einem unterirdischen Gang, sowie einem Reiterpfad, die jeweils beide von der Hesselburg zur Breuburg im Odenwald geführt haben sollen (Pfeifer, Spessart Sagen, Aschaffenburg o.J.).

Jahre später fanden Bauern beim Pflügen  in dem für die Gegend typischen Lehmboden immer wieder Gesteine, die auf die „Burg“ aufmerksam machten. Auf Anregung des damaligen Besitzers Reinhold Stegmann, dem sehr viel daran lag, zu wissen, was sein Acker schließlich verbarg, wurde eine Grabung durchgeführt. Nach den Auswertungen aus den 70er Jahren kamen Fachleute allerdings zu einem völlig anderen Schluss als die Sagen erzählen: Die Burg ist ein Märchen, doch die Funde weisen auf eine römische Villa (rustica) hin. Die Nähe des Limes und die eingangs erwähnten Vorzüge des Siedlungsgebietes verstärken die Annahme, dass es sich bei diesem Fund letztendlich um eine Villa rustica handelt.

 

 

 

Römische Siedlungsstelle,

Flur Hesselburg auf der Höhe zwischen Pflaumheim und Mömmlingen


 

Die Funde und ihre Bedeutung für die Schloßäcker

Insgesamt wurden fünf Fundamente sowie eine Abfallgrube verortet, die sich über das Areal der Schloßäcker zogen. Ein römischer Denar, auf dem Kaiser Vespasian aufgeprägt war, Dachziegel, der Teil eines größeren Kugelbauchkruges, eine Vorratsurne, Keramikscherben, Terra Sigilata sowie weißlich bis grünliche Glasscherben runden den Fundus auf den Schloßäckern ab. Vermutlich war die vorgefundene Villa rustica bei Wenigumstadt ein landwirtschaftlicher Versorgungshof, der das acht Kilometer entfernte Kohortenkastell in Obernburg mit Lebensmitteln und Vieh versorgte. Das Ende ihrer Existenz fand die Hesselburg wohl in der Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. anlässlich der alamannischen Limeseroberung durch ein verheerendes Großfeuer.

Es ist anzunehmen, dass im Raum zwischen dem heutigen Dieburg und Niedernberg/Großwallstadt etwa zehn Villae rusticae zu finden sind. Außerdem wurde das Gesamtbild auf der westlichen Seite des Untermains in römischer Zeit von fast drei Dutzend römischer Gutshöfe geprägt. Die römischen Kastelle am sogenannten „nassen Limes“ waren in Seligenstadt, Stockstadt, Niedernberg, Obernburg, Wörth, Trennfurt, Miltenberg und Miltenberg-Bürgstadt am nachgewiesenen Verlauf der Römerstraße zu finden.

 

 

Rekonstruktion Villa Rustica,

 

Allein diese zuletzt erwähnten Erkenntnisse zeigen nicht nur auf, dass die römische Villa rustica auf den Schloßäckern lediglich „eine von vielen“ am Untermain war. Vielmehr war das Areal Teil des gesamten ausgeprägten römischen Lebens, ganz besonders am Bayerischen Untermain, der für viele Archäologen heute zum „Vorzeigemodell“ des römischen Lebens geworden ist. Dass noch längst nicht alles über das Leben am Limes erforscht ist, zeigt die Tatsache, dass allein in Obernburg bei fast jedem Aushub für den Bau eines Gebäudes bedeutende römische Funde zutage treten, wie beispielsweise im Herbst 2014 das römische Bestattungsfeld mit seinen beiden noch erhaltenen Löwenstatuen am ehemaligen Krankenhaus. Diese Grabung und Dokumentation unter der Leitung des Obernburger Archäologen Dr. Alexander Reis erlangte überregional Aufsehen und breites Interesse, vor allem bei den Obernburger Einwohnern.

 

Beitrag von Julia Nagel

Bearbeitet von Herbert Rachor

 

 
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